Logo mit zwei ineinandergreifenden Händen, die ein Herz bilden
HWH Assistenz Helping with Heart

Galungan auf Bali – Wenn Assistenz aus Nicht-Sehen Erleben macht

Kunstvoll geschmückte Penjor-Bambusstange mit hängenden Dekorationen vor bewölktem Himmel und Gebäuden im Hintergrund

Gestern durfte ich auf Bali etwas erleben, das mich tief berührt und nachhaltig beeindruckt hat. Ich hatte die Möglichkeit, das bedeutende balinesische Fest Galungan mitzuerleben – eines der wichtigsten religiösen Ereignisse der Insel und zugleich ein Fest voller Spiritualität, Tradition und gelebter Dankbarkeit. Für viele Menschen mag ein solcher Tag einfach ein schönes Reiseerlebnis sein. Für mich bedeutet er jedoch noch etwas ganz anderes.

Seit meiner Erblindung hat sich mein Leben grundlegend verändert. Dinge, die früher selbstverständlich waren, müssen heute oft anders erlebt, beschrieben und wahrgenommen werden. Umso dankbarer bin ich dafür, dass ich durch die Unterstützung meiner Assistenz auch heute noch die Welt entdecken, fremde Kulturen kennenlernen und einzigartige Erfahrungen sammeln darf. Gestern wurde für mich genau das wieder einmal deutlich.

Schon am Morgen herrschte auf Bali eine ganz besondere Atmosphäre. Überall waren Menschen unterwegs, viele in festlicher traditioneller Kleidung. Der Duft von Räucherstäbchen lag in der Luft, Opfergaben wurden vor Häusern und Tempeln niedergelegt, und man spürte förmlich die Vorfreude auf diesen besonderen Tag. Besonders beeindruckend waren die sogenannten Penjor, die kunstvoll geschmückten Bambusstangen, die während Galungan die Straßen Balis säumen. Einer dieser Penjor ist auf dem Foto zu sehen. Mehrere Meter hoch ragt er in den Himmel. Geschmückt mit Palmblättern, Kokosfasern, Reis, Früchten und kunstvollen Verzierungen wirkt er fast wie ein Kunstwerk unter freiem Himmel.

Auch wenn ich ihn selbst nicht sehen kann, wurde er für mich durch die Beschreibungen meiner Assistenz lebendig. Aus einem Bild wurde eine Vorstellung. Aus einer Dekoration wurde eine Geschichte. Und genau das ist für mich der wahre Wert von Assistenz. Sie ersetzt nicht das Augenlicht. Aber sie macht es möglich, die Welt trotzdem zu erleben.

Galungan selbst symbolisiert den Sieg des Guten (Dharma) über das Böse (Adharma). Gleichzeitig glauben die balinesischen Hindus, dass während dieser besonderen Zeit die Seelen ihrer Vorfahren auf die Erde zurückkehren, um ihre Familien zu besuchen. Deshalb bereiten sich viele Familien tagelang auf dieses Fest vor. Häuser und Tempel werden geschmückt, Opfergaben vorbereitet und Gebete gesprochen. Die gesamte Insel scheint in diesen Tagen innezuhalten und sich auf ihre Wurzeln, ihre Traditionen und ihre Gemeinschaft zu besinnen. Die Penjor stehen dabei symbolisch für Dankbarkeit, Wohlstand und die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Viele Balinesen sehen in ihrer geschwungenen Form sogar den heiligen Vulkan Agung dargestellt, der als Sitz göttlicher Kräfte verehrt wird. Während wir durch die geschmückten Straßen fuhren, erklärte man mir immer wieder die Bedeutung der einzelnen Symbole, die Farben der Dekorationen und die besonderen Rituale der Menschen. Dadurch entstand vor meinem inneren Auge ein Bild, das oft sogar intensiver wirkt als ein flüchtiger Blick.

Genau deshalb bedeutet Reisen für mich heute weit mehr als nur Urlaub. Es bedeutet Freiheit. Es bedeutet Selbstbestimmung. Und es bedeutet die Gewissheit, dass eine Behinderung nicht automatisch Verzicht bedeuten muss. Viele Menschen glauben, dass mit einer schweren Sehbehinderung oder Blindheit die Welt kleiner wird. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass sie mit der richtigen Unterstützung wieder größer werden kann. Durch Assistenz wird für mich Nicht-Sehen zu Erleben. Aus Beschreibungen werden Bilder. Aus Informationen entstehen Eindrücke. Und aus fremden Orten werden Erinnerungen.

Galungan hat mir gestern erneut gezeigt, wie wertvoll diese Erfahrungen sind. Es geht nicht nur darum, an einem Ort zu sein. Es geht darum, wirklich teilhaben zu können. Kultur zu erleben. Menschen zu begegnen. Geschichten zu hören. Atmosphären zu spüren. All das stärkt das eigene Selbstvertrauen und erweitert den Horizont weit über das hinaus, was man sich manchmal selbst zutraut.

Gerade deshalb bin ich dankbar, dass HWH Assistenz genau solche Erlebnisse möglich macht. Assistenz bedeutet nicht nur Unterstützung im Alltag. Sie schafft Möglichkeiten. Sie baut Barrieren ab. Sie macht Teilhabe lebendig. Während die Feierlichkeiten rund um Galungan in den kommenden Tagen weitergehen und schließlich mit dem Fest Kuningan ihren Abschluss finden werden, freue ich mich bereits auf viele weitere Eindrücke hier auf Bali. Diese Insel überrascht mich jeden Tag aufs Neue mit ihrer Herzlichkeit, ihrer Kultur und ihrer tiefen Spiritualität.

Und ich freue mich darauf, noch viele weitere Geschichten mit nach Hause zu nehmen – Geschichten, die mir zeigen, dass man die Welt nicht immer mit den Augen sehen muss, um sie mit dem Herzen zu erleben.

Weitere Beiträge

Gruppenfoto sitzend am Strand

Zum Radiobeitrag von R.SH Persönliche Assistenz bedeutet nicht, Entscheidungen abzugeben – sondern endlich selbst entscheiden zu können. Ob im Alltag,…

Person mit dunkler Hose und blauen Schuhen tastet mit weißem Blindenstock einen Zebrastreifen ab

Zum Beitrag in der ARD Mediathek Der vorliegende Beitrag beleuchtet eine Diskussionsrunde, in der kritisch hinterfragt wird, was passiert, wenn…

Nahaufnahme von mehreren Schneeglöckchen mit grünen Blättern auf moosigem Boden

Willkommen Frühling, willkommen Sommer! Der Winter hatte seine Bühne. Kälte, Dunkelheit, dicke Jacken und dieses permanente „Ich-bleib-heute-lieber-drin“. Wir sagen: Danke, das…